Design in Worten:
Das Papp-Porzellan

Wie es aussieht, wenn die Symbolik von Bekanntem bei der Erschaffung neuer Produkte eine Rolle spielt.

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Papp-Porzellan – überdenkt man den Begriff, so ist er ein Widerspruch in sich: zwei Materialien, zwei Charaktere. Lassen sich diese Eigenschaften tatsächlich so selbstverständlich verbinden, wie uns die Kombination der Wörter von der Zunge geht?

Man möchte es kaum glauben, doch tatsächlich ist der Pappteller in seiner noch heute bestehenden, rechteckigen Form mit den muschelähnlichen Ecken bereits 145 Jahre alt. Der Buchbinder Hermann Henschel, der auch der Erfinder des bedruckten Bierdeckels ist, machte sich erstmals intensiv Gedanken, wie man Delikatessen und andere Genussmittel einfacher und hygienischer verkaufen könnte. Er presste den ersten Pappteller aus Karton, einem Werkstoff, der gerade erst auf dem Markt erschienen war, und revolutionierte damit die Esskultur. Die vom Jugendstil inspirierten Ecken hatten den Vorteil, dass sie durch ihre Rillen die Stabilität der Pappe verbesserten.

Da Papier immer günstiger wurde, kam Pappgeschirr in kürzester Zeit immer häufiger zum Einsatz. Es hatte den Vorteil, dass man Arbeitszeit und Wasser sparen konnte, weil das Geschirr nicht gespült werden musste. Doch die großen Mengen an Müll, die dadurch entstanden, zeigten auch schnell die Nachteile auf: der Weg zur Wegwerfgesellschaft war geebnet.
Dennoch hat sich der Pappteller im Laufe der Zeit zu einem Kultobjekt entwickelt. Sein massentauglicher Gebrauch hat ihm dazu verholfen, zum Sinnbild einer unkomplizierten, schnellen und günstigen Küche, vor allem aber auch zum Inbegriff einer ungezwungenen Esskultur zu werden.
Das in der Nutzung an sich praktischere aber auch teurere Porzellan war durch seine biedere, strenge Anmutung dem kultivierteren Essen vorbehalten.

In der Kombination beider Geschirrtypen sind nun Objekte einer neuen Tischkultur entstanden: Das Porzellanservice schlüpft in die Rolle des Pappgeschirrs, was eine sehr ironische und widersprüchliche Anmutung hat. Der Papp-Porzellan-Teller profitiert von der Wertigkeit und Funktionalität des Porzellans, jedoch auch von der charmanten Formensprache und Symbolik des Papptellers. Auf ihm serviert man keinen günstigen Imbiss, sondern hochwertige Speisen, so wie es bereits 1876 der Grundgedanke des Pappgeschirrs war. Dieser spielerische Umgang zielt auf eine bewusste Bescheidenheit, ein Understatement, ab und verleiht besonderem Essen die Ungezwungenheit und Selbstverständlichkeit eines Imbisses.

Das Papp-Porzellan ist ein Beispiel dafür, wie die Symbolik eines bekannten Objektes auf einen anderen Gegenstand übertragen werden kann. Ob es jedoch sinnvoll ist, die Form des Papptellers aus rein optischen Gründen in Porzellan nachzuahmen, sei dahingestellt.

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Jedem Gebrauchsgegenstand liegt ein Designprozess zu Grunde, der den Menschen und seine Sinneswahrnehmungen zum Maßstab hat. Der Mensch nimmt die sensorischen Merkmale eines Produktes und seine äußere Form zwar passiv wahr, jedoch ist ihm häufig nicht bewusst, dass dahinter eine umfangreiche Entwurfsleistung steckt.

Das wesentliche Ziel der Projektarbeit „Design in Worten“ ist die Vermittlung des Gestaltungshintergrundes von bekannten Alltagsgegenständen an Fachfremde im öffentlichen Raum. Damit soll das Bewusstsein für die Allgegenwärtigkeit von Design geschärft und auf die funktionalen und fertigungstechnischen Aspekte sowie die emotionale Wirkung hingewiesen werden.

Das Konzept wurde in Textform anhand von sechs exemplarischen Alltagsgegenständen erarbeitet und beispielhaft als Plakate für Litfaßsäulen umgesetzt. Über die Links am unteren Screenrand gelangen Sie zu den von mir verfassten Texten zu drei Gegenständen.

WORK: Konzeption, Gestaltung, Text

IN COOP: Oliver Jaist (gemeinsame Konzeption/Gestaltung)

MENTORING: Prof. Markus Frenzl