Design in Worten:
Das Nutella-Glas

Warum es bei Nussnougatcreme nicht nur um den Geschmack,
sondern auch um die Verpackung geht.

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Wer kennt es nicht? – Das Knistern des Deckels, wenn man ihn von der Versiegelung löst. Das Gefühl, ein Loch in die perfekt gespannte Goldfolie zu drücken oder zu schneiden, um an den Inhalt der Verpackung zu gelangen.

Kühl und schwer fügt sich das Glas, das bereits 1965 in dieser Form von Lelo Cremonesi geschaffen wurde, in die Hand. Seine fühlbare Härte ist der weichen Beschaffenheit des Inhaltes gegenübergestellt und vermittelt so, dass es ihn schützt und für Frische sorgt.

Um eine bessere, ergonomische Greifbarkeit zu erlangen, wurde der Durchmesser der runden, für gläserne Verpackungen typischen Form verkleinert. Da das Volumen jedoch erhalten bleiben sollte, verlieh man dem Glas stattdessen eine ovale Grundform, die in ihrer Höhe raffiniert gegenläufig gestaltet ist: Sie verjüngt sich vom Breiten ins Schmale und erweitert sich vom Schmalen ins Breite, um in einer größtmöglichen Öffnung, nämlich der ursprünglichen Kreisform, zu münden.
Als weitere Besonderheit des Gefäßes, schiebt sich beidseitig ein ungewöhnlicher Wulst unterhalb des Gewindes heraus. Tatsächlich haben diese Ausformungen, die eines der größten Wiedererkennungsmerkmale der Verpackung sind, ihre Tücken. Die letzten Reste des begehrten Brotaufstriches, auf welche jeder Liebhaber nur ungern verzichtet, möchte sie nicht ohne weiteres herausrücken. Nicht ungeschickt, denn dies führt dazu, dass man sich mit dem Markenglas auseinandersetzen muss. Doch so mühevoll das auch sein mag, so haben die Wülste auch ihren Sinn: Sie verhindern das Entgleiten des Glases aus der Hand und bilden eine optische Verbindung zwischen Glas und Schraubverschluss.
Auch der Deckel, welcher Frische und Sauberkeit vermittelt, weist unterschiedliche Strukturen auf und man erwischt sich immer wieder dabei, wie man mit dem Fingernagel entlang der Riffelung oder über die genoppten Buchstaben kratzt und Geräusche erzeugt.
Unter ihm verbirgt sich die letzte Barriere vor dem geschmacklichen Genuss. Die glänzende Folie lässt durch ihre goldene Farbgebung vermuten, Schutz und Wächter des wertvollen Inhaltes zu sein. Sie ist es, die dem Verbraucher als Frischesiegel die tatsächliche Neu- und Unversehrtheit des Produktes versichert. Ihre aus materialtechnischen Gründen betont einfache Gestaltung überlässt es dem Genießer selbst, wie er sich den Weg zur Schokolade bahnt.

Wieviele der menschlichen Sinne werden von diesem Produkt angesprochen? Alle fünf! Es ist also nicht nur die geschmackliche Verlockung des Nuss-Nougat-Aufstriches allein, die den Reiz des Produktes ausmacht. Es sind auch die Emotionen und Sinneseindrücke, die mit der Gestaltung jedes einzelnen Schrittes des Glasöffnens und dem entsprechenden Element verbunden sind, die das Produkt zum ganzheitlichen Erlebnis werden lassen. Welch große Enttäuschung wäre es, würde man in Zukunft auf die dafür verantwortlichen Gestaltungselemente verzichten.

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Jedem Gebrauchsgegenstand liegt ein Designprozess zu Grunde, der den Menschen und seine Sinneswahrnehmungen zum Maßstab hat. Der Mensch nimmt die sensorischen Merkmale eines Produktes und seine äußere Form zwar passiv wahr, jedoch ist ihm häufig nicht bewusst, dass dahinter eine umfangreiche Entwurfsleistung steckt.

Das wesentliche Ziel der Projektarbeit „Design in Worten“ ist die Vermittlung des Gestaltungshintergrundes von bekannten Alltagsgegenständen an Fachfremde im öffentlichen Raum. Damit soll das Bewusstsein für die Allgegenwärtigkeit von Design geschärft und auf die funktionalen und fertigungstechnischen Aspekte sowie die emotionale Wirkung hingewiesen werden.

Das Konzept wurde in Textform anhand von sechs exemplarischen Alltagsgegenständen erarbeitet und beispielhaft als Plakate für Litfaßsäulen umgesetzt. Über die Links am unteren Screenrand gelangen Sie zu den von mir verfassten Texten zu drei Gegenständen.

WORK: Konzeption, Gestaltung, Text

IN COOP: Oliver Jaist (gemeinsame Konzeption/Gestaltung)

MENTORING: Prof. Markus Frenzl